Bei der Anämie – umgangssprachlich auch Blutarmut genannt – ist der Anteil der Erythrozyten (rote Blutkörperchen) bzw. des Hämoglobins (roter Blutfarbstoff) im Blut zu niedrig. Hämoglobin – ein eisenhaltiger Proteinkomplex – befindet sich in den roten Blutkörperchen und ist für den Sauerstoff-Transport aus der Lunge in die Organe zuständig.

Der Tumor selbst kann eine Anämie auslösen – beispielsweise durch die Störung der Erythrozyten-Produktion. Auch kann durch Substanzen, die von den Tumorzellen gebildet werden, die Überlebenszeit der Erythrozyten verkürzt werden.

Doch vor allem eine intensive Chemotherapie ruft in der Regel eine Anämie hervor. Da die Zytostatika die sich schnell teilenden Krebszellen zerstören, schädigen sie leider auch die sich ebenfalls rasch teilenden Knochenmarkzellen. Dadurch ist die Blutbildung unterdrückt – die Produktion der weissen und roten Blutkörperchen sowie der Thrombozyten ist stark verringert. Eine geringe Erythrozytenkonzentration im Blut ruft Sauerstoffmangel hervor und löst dadurch die Bildung des Wachstumsfaktors Erythropoetin in der Niere aus. Das Erythropoetin regt wiederum die Bildung der roten Blutkörperchen an – unter der Voraussetzung, dass genügend Eisen dazu vorhanden ist. Bei intensiven und hochdosierten Chemotherapien stösst dieses Feedback-System des Körpers jedoch an seine Grenzen und es kommt schliesslich zur Blutarmut. Einige Zytostatika können zudem die Zellen in der Niere, die Erythropoetin produzieren, schädigen.

Ist nun die Sauerstoffversorgung der Organe nicht mehr optimal, reagiert der Körper mit einer Steigerung der Herzfrequenz, weitere Folgen sind schnelle Ermüdbarkeit, Antriebslosigkeit, Depression, Atemnot, Brustschmerzen, Appetitlosigkeit, Schwindel oder auch Kopfschmerzen. Unbehandelt besteht die Gefahr, dass sich unter Umständen chronische Erschöpfungszustände, die Fatigue, oder gar eine schwere, lebensbedrohliche Anämie entwickeln.

Regelmässige Kontrollen des Erythrozyten- und des Hb-Wertes sowie die Bestimmung der im Körper gespeicherten Eisenvorräte sind daher notwendig.

Erwachsene haben in der Regel einen Hämoglobinwert zwischen 120 und 150 g/l. Bei einem Hb-Wert bis zu 100 g/l spricht man von einer milden Anämie. Bei Werten unter 80 g/l handelt es sich um eine schwere Anämie, Werte unter 60g/l sind lebensgefährlich.

Ziel der Anämie-Behandlung ist es, primär die Anzahl der Erythrozyten und damit den niedrigen Hämoglobinwert zu erhöhen. Vor Beginn einer Therapie muss unbedingt zuerst abgeklärt werden, ob es neben der Chemotherapie Gründe für den niedrigen Hb-Wert gibt. Dies können beispielsweise auch Blutverluste oder eine einseitige Ernährung bzw. Appetitlosigkeit sein, so dass über lange Zeit zu wenig Eisen resorbiert wurde. In diesem Fall wird die tägliche Aufnahme eisenhaltiger Lebensmittel bzw. die Gabe eisenhaltiger Arzneimittel empfohlen. Bei schwerem Eisenmangel kann eine intravenöse Eisensubstitution notwendig werden. Auch Folsäure sowie Vitamin B6 und B12 sind wichtig für die Blutbildung und sollten ausreichend mit der Nahrung aufgenommen oder bei Bedarf substituiert werden.

„Patienten mit schweren Anämien können Erythrozytenkonzentrate in Form von Transfusionen erhalten. Dadurch wird die Anämie rasch korrigiert. Obwohl Transfusionsreaktionen selten sind, muss die Empfehlung zur Transfusion gut begründet sein und die Patientin über Vor- und Nachteile aufgeklärt werden“, empfiehlt Dr. Pasquinelli.

Eine weitere Therapie-Möglichkeit bei starker Anämie ist die Verabreichung von gentechnisch hergestelltem, sogenanntem rekombinantem Erythropoetin. Ebenso wie der körpereigene Wachstumsfaktor regt es die Bildung der Erythrozyten an und so kann wieder vermehrt Sauerstoff im Körper transportiert werden. Man fühlt sich wieder wohler und leistungsfähiger. Die Ansprechrate auf die Epo-Gabe liegt bei 40 bis 85 Prozent; die Dauer bis zum Ansprechen bei durchschnittlich vier bis sechs Wochen. Auch hier ist die Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen durch den behandelnden Arzt sowie die Zustimmung der Patientin wichtig. Der Einsatz darf nur während bzw. bis zu cirka vier Wochen nach Beendigung einer Chemotherapie erfolgen.

Karin Storz
Freie Journalistin