Jede fünfte Brustkrebspatientin leidet unter einem HER2-positiven Mammakarzinom. Auf ihren Tumorzellen kommen sogenannte HER2-Rezeptoren, die das Wachstum anregen, besonders häufig vor und machen den Krebs äußerst aggressiv: Er wächst vergleichsweise schnell und es kommt häufiger zu Rückfällen. „Früher galt das HER2positive Mammakarzinom als eine Krebsart mit äußerst schlechter Prognose. Inzwischen ist der aggressive Tumor aber behandelbar geworden und die Heilungs- und Überlebenschancen sind im Schnitt ähnlich gut wie bei hormonsensitiven Tumoren“, erklärt PD Nik Hauser vom Brustkrebszentrum der Hirslanden Klinik Aarau.

Antikörpertherapien auf dem Vormarsch

Therapien mit Antikörpern haben diesen Fortschritt möglich gemacht. Im Kampf gegen den HER2-positiven Brustkrebs nutzen Mediziner heute zwei Abwehrstoffe, die sich in ihrer Wirkung ergänzen: Sie binden zielgerichtet an verschiedenen Stellen an den HER2-Rezeptor und blockieren ihn auf unterschiedliche Art und Weise: Während der erste Abwehrstoff die Vermehrung der Tumorzellen stoppt, verhindert der zweite, dass sich zwei Rezeptoren verbinden und so Wachstumssignale ins Innere der Zelle weiterleiten können. Ausserdem markieren beide Antikörper die Tumorzellen, sodass das Immunsystem sie leichter erkennen und zerstören kann. „Die Entwicklung des ersten Antikörpers war einer der gewaltigsten Fortschritte in der Brustkrebsbehandlung. Der Einsatz des zweiten Antikörpers verbessert die Therapiechancen nun noch weiter“, sagt der Facharzt für Gynäkologie.

Zunächst wurde die Wirkstoffkombination mit den zwei Antikörpern zusammen mit einer Chemotherapie für den metastasierten Brustkrebs zugelassen, um eine bessere Lebensqualität für die Patientinnen zu gewinnen und das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Nachdem die Medikamenten-Kombination in Europa bereits seit 2015 auch für die neoadjuvante Therapie im Frühstadium der Krankheit eingesetzt werden mit dem Ziel, die Krankheit zu heilen, folgte jetzt auch in der Schweiz für ebendiese Behandlung die Zulassung der Dreifach-Kombi aus Antikörpern und Chemotherapie.

Medikamentöse Behandlung vor der Operation

Bei der neoadjuvanten Behandlung werden die beiden Antikörper in Kombination mit einer Chemotherapie vor der Operation eingesetzt, um den Tumor zu schrumpfen und so die Chance auf eine brusterhaltenden chirurgischen Eingriff zu erhöhen oder sogar eine komplette pathologische Remission zu erreichen. Das bedeutet, dass bei einer OP kein Tumorgewebe in der betroffenen Brust und den lokalen Lymphknoten mehr nachweisbar ist. „Diese Patientinnen haben maximal gut auf die Therapie angesprochen und somit gute Chancen, dass der Brustkrebs nicht mehr zurück kommt“, erklärt der Experte. Nach der Operation wird die Antikörpertherapie fortgesetzt, bis ein sogenanntes Therapiejahr vergangen ist.

„Natürlich gibt es auch Nebenwirkungen, das darf man nicht schönreden“, gibt Hauser zu bedenken. „Beide Antikörper können zu einer Herzschädigung führen. Erfreulicherweise zeigt aber die Studienlage, dass sich die Begleiterscheinungen in der Kombination nicht akkumulieren, sondern – wenn überhaupt – nur minimal höher sind.“ Sicherheitshalber werden alle Patientinnen vor und während der Therapie auf ihre Herzfunktion hin überwacht. Denn ein krankes Herz kann Grund sein, die Behandlung abzubrechen oder erst gar nicht zu beginnen.

Individuelle Entscheidung für jede Patientin

Trotz ihrer Vorteile ist eine neoadjuvante Therapie nicht für alle Patientinnen gleich gut geeignet. „Für einige Frauen kommt sie aus psychischen Gründen nicht infrage“, weiß der Gynäkologe: „Sie wollen, dass der Knoten schnellst möglich entfernt wird und würden eine präoperative Therapie als große Belastung empfinden. Hier entscheiden wir individuell zusammen mit der Patientin, ob wir neoadjuvant oder besser adjuvant therapieren.“

Bei der adjuvanten Therapie setzt die medikamentöse Therapie mit den Antikörpern erst nach der Operation ein. Ziel ist es, die Krebszellen, die nach dem Eingriff noch im Körper sind, abzutöten und ein Rezidiv zu verhindern. Bisher kommt hier nur der erste Abwehrstoff zum Einsatz. Eine Studie bescheinigt der Behandlung mit zwei Antikörpern aber auch hier große Erfolgschancen: Die Zulassung steht allerdings noch aus.

Dr. rer. medic. Nicole Lauscher
Freie Journalistin