„Machen Sie sich keine Sorgen, Sie können beruhigt auf eine Chemotherapie verzichten. Ihr Rückfallrisiko ist sehr gering.“ Welche Brustkrebspatientin möchte dies nicht nach ihrer Operation hören. Wichtiger noch: sich auch langfristig darauf verlassen können. Zum Glück gibt es zu dieser Nachricht sehr viel häufiger Anlass als es konventionelle klinisch-pathologische Analysen erlauben. Das haben neue Studienergebnisse gezeigt, in denen verschiedene sogenannte Genexpressionsanalysen auf ihre Zuverlässigkeit hin verglichen wurden.

Ja, so paradox es klingen mag: Auch Tests müssen sich natürlich „Tests“ unterziehen. Und sie müssen ihre Kräfte miteinander messen. Schliesslich will man ja wissen, welchem Testergebnis man am meisten vertrauen kann. Insbesondere wenn es um die Therapiewahl bei einer Erkrankung wie Brustkrebs geht. Heute können sogenannte Multigenexpressionstests hierbei eine wertvolle Unterstützung sein. Dabei geht es vor allem um die Frage, wie hoch bei einer Patientin das individuelle Risiko für einen Rückfall ist. Denn hiervon hängt ab, welche Therapie zu empfehlen ist bzw welche (evtl nebenwirkungsreiche) Therapie man weglassen kann.

Mittleres Risiko: Wie entscheiden?

Patientinnen mit Brustkrebs werden drei verschiedenen Risikogruppen zugewiesen: niedrig, mittel und hoch. Bei einem als hoch eingestuften Risiko ist die Entscheidung für eine Chemotherapie klar. Hingegen können laut klinischer Leitlinien Frauen mit einem sehr niedrigen Risiko für Fernmetastasen nach der Operation auf eine Chemotherapie verzichten. Doch leider lässt sich dieser Gruppe mit herkömmlichen Diagnoseverfahren höchstens ein Fünftel aller Patientinnen zuordnen. Das Problem: Wie verhält es sich mit jenen Patientinnen, denen entsprechend derzeitigen klinischen Leitlinien ein mittleres Risiko zugeordnet wird? Sollte ihnen vorsichtshalber zu einer Chemotherapie geraten werden oder können sie auf diese belastende Therapie verzichten?

Messbar: Aggressivität des Tumors

An dieser Stelle können oft sogenannte Genexpressionsanalysen weiterhelfen. Sie analysieren anhand verschiedener Kriterien wie aggressiv der individuelle Tumor einer Patientin ist. Diese Tests bestimmen also nicht, ob eine bestimmte Genmutation überhaupt vorliegt, sondern sie ermitteln, wie aktiv verschiedene Gene sind, die das Tumorwachstum beeinflussen. Dies gibt Aufschluss über den wahrscheinlichen individuellen Verlauf der Erkrankung. Für welche Patientinnen so ein Test Sinn macht, hängt zum Beispiel davon ab, ob ihr Tumor hormonempfindlich ist und wie viele Lymphknoten befallen sind. „Das Schöne bei den Genexpressionsanalysen ist, dass es um zuverlässige und reproduzierbare Zahlen geht. Wir müssen uns bei unseren Therapieempfehlungen also nicht auf unser Bauchgefühl verlassen“, so Prof. Dr. Untch.

Doch welche Genexpressionsanalysen sind für die wichtige Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie am zuverlässigsten? Schliesslich gibt es mittlerweile mehrere Tests dieser Art. Und wenn hier von „zuverlässig“ die Rede ist, dann sprechen wir von einer Prognose, die über einen sehr langen Zeitraum hin gültig sein soll. Denn eine weitere aktuelle Studie belegt: Selbst Patientinnen, deren Tumor klinisch günstige Eigenschaften zeigt, können noch nach 20 Jahren ein relevantes Rückfallrisiko (14%) haben. „Wir können also auch bei Frauen mit günstigen Tumoreigenschaften fünf Jahre nach der Primärtherapie nicht von Heilung sprechen. Die Frage bleibt, wie wir die Langzeitprognose einer individuellen Patientin genauer bestimmen können“, so Professor Dr. Untch. Um Fragen wie diese besser beantworten zu können, wurden in einer neuen Studie verschiedene Genexpressionstests miteinander verglichen. Auf dem San Antonio Breast Cancer Symposium 2016 (SABCS) diskutierten Experten die Ergebnisse.

Dringend erforderlich: Langfristige Prognose

Wie wichtig es ist, eine langfristig zuverlässige Testaussage zu erhalten, zeigt das oben genannte erhebliche Rezidivrisiko, das für bestimmte Patientinnengruppen auch nach 20 Jahren (!) noch besteht. Beispielsweise treten bei Patientinnen mit einem positiven Nodalstatus – ein Kriterium zur Tumorklassifikation – die Hälfte aller Spätmetastasen erst nach fünf bis zehn Jahren auf. In Situationen wie diesen kann daher nur auf Basis langfristiger Prognosen ruhigen Gewissens auf eine Chemotherapie verzichtet werden. Deshalb rät Experte Prof. Dr. Untch, man müsse sich immer mindestens die kumulativen Zehnjahresdaten anschauen.

Klarer Vorteil: Kombinierter Test

Grundsätzlich zeigt die Studie, dass alle diese Genanalysen eine gute Vorhersagekraft haben. Doch zwei Tests hatten in der TransATAC-Studie die Nase vorn, sowohl bei nodalpositiven wie nodalnegativen Patientinnen: EndoPredict (EPclin) und PAM50-based Prosignia (ROR) konnten am zuverlässigsten analysieren, wie hoch das individuelle Risiko für Fernmetastasen war. Bei einer Gruppe – den nodalpositiven – waren jene Tests erheblich zuverlässiger, die auch die klinischen Faktoren Tumorgrösse und Lymphknotenstatus einkalkulierten. Mit anderen Worten: Doppelt hält besser. Ein Test, der klassische mit neuen Faktoren kombiniert, liefert die verlässlichste Prognose zur Risikoeinschätzung für Rezidive. Die exakteste Aussagekraft für die medizinische Prognose dieser Frauen hatte EndoPredict. Liegt ihr Metastasierungsrisiko unter zehn Prozent, kann ihnen eine Chemotherapie nach der Primärtherapie erspart bleiben. „Zehn Prozent scheint für viele Frauen eine Grenze zu sein. Liegt das Risiko beispielsweise aber bei 15 Prozent, entscheiden sich viele Frauen eher für eine Chemotherapie“, so Prof. Dr. Untch. Auf welchen Multigentest der Experte am stärksten vertraut? „Am längsten arbeite ich mit EndoPredict und die Daten der neuen Studie verstehe ich als bestätigend. Doch jeder Kollege trifft da seine eigene Wahl“, so Experte Untch.

Dr. Kai Kaufmann
Freier Journalist