„In unserer Familie gab es viele Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren. Auf väterlicher Seite waren fast alle irgendwann betroffen. Vor vier Jahren erkrankte dann meine Tante“, erzählt Birgit Steiner*. Natürlich machte sie sich damals Sorgen, dass auch sie selbst Trägerin der BRCA-Mutation sein könnte. Ein Gendefekt, der das Risiko einer Brustkrebserkrankung bis auf 80 Prozent erhöhen kann. Aber ihr Frauenarzt beruhigte Birgit Steiner. „Für ihn waren diese Fälle verwandtschaftlich zu weit entfernt“, erklärt sie.

„Ich sah es pragmatisch“

Ein Dreivierteljahr später, kurz nach der Geburt ihres zweiten Sohnes, kam plötzlich Birgit Steiners eigene Brustkrebsdiagnose. Bei einer Vorsorgeuntersuchung wurde der Tumor entdeckt. „Anfangs war der Krebs schon ein Schock. Aber es hieß, der Tumor sei noch ganz klein“, erinnert sie sich. „Wir waren gerade im Urlaub und es ging mir sehr gut. Mir war klar, ich gehe bald ins Spital und ab dann bin ich krank. Dann hab’ ich Schmerzen und die Chemo wird kommen. Ich hab’ es tatsächlich so pragmatisch gesehen.“ Auch wenn sie wusste, sie war nicht gesund – es fühlte sich doch anders an. „Es war irgendwie unwirklich. Ich konnte ja noch wandern, Sport machen...“, sagt die Verlagskauffrau.

„Der Tumor war 4,5 cm groß“

Nach weiteren Untersuchungen wurde deutlich, dass die ganze rechte Brust betroffen war. „Bei der OP zeigte sich dann, dass der Tumor 4,5 cm groß war“, sagt sie. Als man ihn entfernte, konnte man die Haut retten, was wichtig für den Wiederaufbau der Brust war. Weil aber nicht ganz klar war, ob eine Chemotherapie folgen würde, baute man die Brust nicht in derselben OP wieder auf. Birgit Steiners Chirurg Dr. Knauer erläutert: „Wenn man direkt die endgültige Prothese einsetzen und diese dann bestrahlen würde, gibt es sehr häufig Komplikationen wie Kapselbildungen und somit schlechte kosmetische Ergebnisse.“ Deshalb wurde zunächst ein Expander eingesetzt, damit die Haut sich bis zum Wiederaufbau nicht zurückziehen würde. Später wurde vorsorglich dann auch ihre linke Brust entfernt, denn ihr Gendefekt könnte auch sie erkranken lassen.

„Plötzlich war die Brust weg“

Auch wenn es eine schwere Zeit war, Birgit Steiner verlor selten die Ruhe: „Ich ließ es nicht so an mich herankommen. Ich hab’ alles auf mich zukommen lassen.“ Und wenn sie das sagt, klingt es sehr gesund. So als akzeptiere sie die Tatsachen, ohne Kraft zu vergeuden. „Ich sagte mir: Der Krebs, das bin nicht ich. Er ist kein Teil von mir. Das ist mein Körper – und mein Geist ist etwas anderes. Obwohl ich gar nicht spirituell bin“, erklärt Birgit Steiner. „Nach der OP war es schon merkwürdig: Plötzlich war meine Brust weg. Doch die Erleichterung war größer, dass der Tumor draußen war und die Haut gerettet werden konnte.“

„Ich sagte es allen“

Sie ging immer offen mit dem Thema Krebs um: „Ich habe es allen gesagt. Im Verlag, im Freundeskreis, überall. Und ich bekam viel Unterstützung, allen voran von meinem Mann,“ sagt Birgit Steiner. Auch ihrem siebenjährigen Sohn Jonas* erklärte sie alles: „Immer wenn etwas Neues bevor stand, hab’ ich es ihm gesagt. Er wollte auch alles sehen und verstehen, was da passiert. Jonas hat natürlich gemerkt, dass Mutti oft nicht so richtig funktioniert. Aber es war immer jemand zuhause für ihn da – auch wenn ich weg war. Das war mir sehr wichtig.“

In der zweiten Phase der Chemotherapie gingen ihr dann die Wimpern und Augenbrauen aus. „Das hat mir doch sehr heruntergezogen“, sagt Brigit Steiner. „Nach den letzten Chemos konnte ich mich gar nicht mehr ablenken. Ich machte jedes Problem zu meinem – das der Nachbarn, der Freunde, einfach alles... Körperlich normalisierte es sich nach drei Wochen immer wieder, nur eben nicht psychisch.“ Doch schon wenige Besuche bei einem Psychotherapeuten halfen ihr, mit den Ängsten besser umzugehen.

„Ich gewann meine Weiblichkeit zurück“

Die Phase des Brustwiederaufbaus mit Eigengewebe war ein Riesenschritt nach vorn: „Mit dem Wiederaufbau gewann ich auch einen großen Teil meiner Weiblichkeit zurück“, sagt Birgit Steiner noch heute erleichtert. „Den Wiederaufbau sahen wir auch immer als eine Art "Belohnung" für die schwere Therapiezeit. Wir wussten, wenn alles durchgestanden ist, werde ich nach allen Mitteln der medizinischen Kunst wieder so "hergestellt", wie ich vorher war. Das half mir nicht nur einmal über schwere Stunden hinweg.“

Wie geht es nun weiter? Zehn Jahre Antihormontherapie liegen nun noch vor Birgit Steiner. Doch bislang sind ihre Nebenwirkungen „nur“ wie typische Wechseljahresbeschwerden. „Eine weitere therapeutische Konsequenz wäre eine mögliche Entfernung der Eileiter und Eierstöcke, da auch hier ein deutlich erhöhtes Risiko besteht. Aber dann hätte Frau Steiner alles gemacht, um ihr Risiko zu senken“, erklärt Dr. Knauer.

Birgit Steiner wirkt fast selber überrascht, wenn sie am Ende unseres Gesprächs sagt: „Heute auf die Monate der Operation und Chemotherapie zurückzublicken, das fällt schwerer, als mitten drinnen zu stecken.“

*Name von der Redaktion geändert

Dr. Kai Kaufmann
freier Journalist
10.07.2014