Manche Erkrankungen scheinen fast schon ein Versteckspiel mit Patient und Arzt zu treiben. Ihre Symptome sind sehr allgemein und können dazu noch die unterschiedlichsten Ursachen haben. Die „Fatigue“ ist so eine Versteckspielerin. Der französische Begriff für „Müdigkeit“ lässt nur ahnen, was sich dahinter verbirgt: Es ist eine sehr tiefe Müdigkeit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit, die Wochen oder Monate andauern und geradezu lähmend wirken kann. Auch durch Schlaf lässt sich die Erschöpfung nicht mehr abbauen.

Alltägliches zuhause oder im Job lässt sich nur mühsam bewältigen: kleine Erledigungen, Treppensteigen, Kochen... Jede längere Konzentration fällt schwer und kaum etwas macht noch Spaß. Oft ziehen sich nun selbst Freunde zurück. All dies in einer Zeit, in der die Patientin alle Kräfte braucht, um ihren Brustkrebs zu bewältigen. „Für viele Patientinnen ist Fatigue noch belastender als es Schmerzen sind“, weiß Dr. Morant. 

Trittbrettfahrerin Fatigue 

Fatigue kann als Begleiterscheinung einer chronischen Krankheit auftreten: zum Beispiel bei Multipler Sklerose, Rheuma , Aids, Morbus Chron oder bei Herz- und Lungenerkrankungen. Sehr typisch ist Fatigue aber eben auch für Krebserkrankungen – manche Untersuchungen gehen davon aus, dass bis zu dreiviertel aller Krebspatienten im Verlauf der Therapie von Fatigue betroffen sind. Deshalb heißt die Erkrankung auch Cancer Related Fatigue (CRF). Die unterschiedlichsten Tumorarten können Fatigue auslösen. Anteilsmäßig komme Fatigue bei Brustkrebs aber nicht häufiger vor als bei anderen Krebsarten, so Dr. Morant.

Risiko-Faktor Chemotherapie

Fatigue wird als eine multifaktorielle Erkrankung gesehen: Mehrere Faktoren können gemeinsam zu den Fatigue-Symptomen führen, die viele Patientinnen mit Brustkrebs erleben. Chemotherapie kann ein Auslöser von Fatigue sein. Dr. Morant erklärt einen Grund: „Die Zytostatika der Chemotherapie greifen nicht nur die Tumorzellen an, sondern auch ganz verschiedene andere Zellen.“ Eine Folge kann die Anämie sein, ein Blutmangel. „Der Anteil der Anämie, bzw. der Wirkungsmechanismus über Anämie  ist durchaus da, darf aber nicht überbewertet werden“, sagt Dr. Morant. Einfach erklärt: Bei einer Anämie ist der Anteil an roten Blutkörperchen (Erythozyten) und eisenhaltigem Hämoglobin im Blut zu gering.  Dies führt zu einer verminderten Sauerstoffversorgung und damit zur Fatigue. „Wir wissen, dass die Zytostatika auch den Stoffwechsel und die Hormonausschüttungen stören. Doch wie genau die Chemotherapie Fatigue auslöst, ist nicht völlig geklärt“, räumt Dr. Morant ein. 

Werte checken: Eisen, Vitamine, Hämoglobin

Es gibt keinen einzelnen Labortest, mit dem man die Krankheit Fatigue nachweisen kann: „Die Diagnose wird klinisch gestellt, also auf Basis der Symptome“, erklärt Dr. Morant. „Allerdings sollte mit Labortests abgeklärt werden, ob es medizinisch fassbare Ursachen gibt, die man behandeln kann.“ Hierzu gehören die oben erwähnten Eisen- und Hämoglobinwerte, aber auch Schilddrüsenprobleme oder Stoffwechsel- oder Hormonprobleme. „Doch nicht immer lässt sich Fatigue mindern oder aufheben, indem man diese Werte wieder ausgleicht, weil es eben meist mehrere gleichzeitige Ursachen gibt“, erklärt Dr. Morant. „Die übliche Chemotherapie nach einer Brustkrebsoperation führt selten dazu, dass der Eisen- oder Hämoglobinwert so tief abfällt, dass es Probleme gibt. Hingegen liegen bei fortgeschrittenem Brustkrebs mit Metastasen sehr oft niedrige Hämoglobinwerte vor. Denn nicht nur die Chemotherapie, sondern auch der Tumor selbst kann zu diesem Mangel führen.

Defizite ausgleichen

„Liegt ein Mangel an Vitaminen oder Spurenelementen wie Eisen vor, versucht man, ihn durch Medikamente auszugleichen. Sehr hohen Eisenmangel kann man auch intravenös behandeln. Mit dem Hormon Erythropoetin lässt sich der Hämoglobinwert bei einer Anämie anheben.“ Schließlich können auch Bluttransfusionen eingesetzt werden; vorher sollten aber alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sein. In seltenen Situationen eines fortgeschrittenen Brustkrebses können Kortikosteroide zur Behandlung von Fatigue eingesetzt werden. 
Fatigue kann in jeder Phase der Brustkrebstherapie auftreten. Wenn dies während der Chemotherapie der Fall ist, kann sogar eine Unterbrechung der Therapie nötig werden. Auch um dies zu vermeiden, ist die frühzeitige Therapie aller Fatigue-Symptome wichtig.

Das Phänomen des Chemo-Brain

Oft erleben Brustkrebspatientinnen im Laufe ihrer Therapie auch lange depressive Phasen voller Niedergeschlagenheit und Ängste, selbst wenn es konkret keinen aktuellen Anlass mehr gibt. Eine Depression kann auch ganz unabhängig von Fatigue auftreten, sie kann aber auch ein Symptom der Fatigue sein. „Es muss durch die Chemotherapie auch Veränderungen im Gehirn geben. Zum Beispiel lässt bei Frauen während oder nach der Therapie oft das Erinnerungsvermögen nach. Man spricht deshalb auch vom ‚Chemo-Brain’“, erläutert Dr. Morant. Mit Psychopharmaka und psychotherapeutischer Hilfe kann man die Depression behandeln. 

Studien belegen: Bewegung und Sport helfen 

In Studien bewährten sich regelmäßige Bewegung wie einfaches Gehen und Sport gegen Fatigue. „Der positive Effekt bezieht sich nicht nur auf die Dauer der Bewegung, sondern ist auch langfristig sehr gut nachgewiesen“, erklärt Dr. Morant. “Dies hängt offenbar mit Stoffwechselprozessen und der Ausschüttung von Endorphinen zusammen.“ Schließlich kann auch eine ausgewogene, vollwertige Ernährung die vielfältige Therapie der Fatigue unterstützen.

Dr. Kai Kaufmann
freier Journalist