Zeit ist relativ. Man muss kein Einstein sein, um das zu wissen. So können zehn Jahre eine lange oder kurze Zeit sein. Ist man von einer lebensbedrohlichen Erkrankung betroffen, zählt jeder Tag, jede Woche, jeder Monat ganz besonders. In der medizinischen Forschung können zehn Jahre aber auch ein kurzer Zeitraum sein. Nämlich dann, wenn große Fortschritte gelingen. Dies gilt für die Therapie des HER2-positiven fortgeschrittenen Mammakarzinoms.

Rasantes Zellwachstum

Rund ein Fünftel aller Mammakarzinome tragen auf der Oberfläche der Tumorzellen besonders viele Rezeptoren des Typs HER2. In diesen Fällen spricht man von HER2-positiven Tumoren. Vereinfacht formuliert regen die HER2-Eiweißmoleküle das Wachstum der Zelle an. Trägt nun eine Zelle besonders viele dieser Rezeptoren, teilt sie sich häufiger. Daher wächst der Tumor sehr schnell und unkontrolliert. Haben sich bereits Metastasen, also Tochtergeschwülste gebildet, spricht man von fortgeschrittenem Brustkrebs.

Verbesserte Therapieoptionen

HER2-positiver Brustkrebs gilt grundsätzlich als sehr aggressiv. Doch eine positive Testung heißt heute auch: Diese Patientinnen sprechen auf eine zielgerichtete Therapie an, die meist Chemotherapie und Antikörpertherapie verbindet.

„Das Eiweiß kann heute mit mehreren Medikamenten sehr wirksam blockiert werden“, erklärt Prof. Thürlimann. In den eingesetzten Antikörpertherapien spielen dieanti-HER2-Antikörper und die anti-HER3-Antikörper eine zentrale Rolle. Dank der Entwicklung dieser zielgerichteten Therapieoptionen hat sich die Prognose für betroffene Frauen im Gegensatz zu früher deutlich verbessert: Das Voranschreiten der Erkrankung kann verlangsamt und die Überlebensdauer erhöht werden. Die verbesserten Therapieoptionen spiegeln sich in verschiedenen aktualisierten nationalen und internationalen Guidelines wie der ASCO (American Society for Oncology) und ESMO (European Society of Medical Oncology) wieder.

myHealth: Herr Professor Thürlimann, in den vergangenen Jahren hat die Behandlung des HER2-positiven Mammakarzinoms große Erfolge erzielt. Dies gilt insbesondere für das HER2-positive fortgeschrittene Mammakarzinom. Was hat sich verändert? 

Prof. Thürlimann: Wir verfügen heute über eine zielgerichtete Therapie. Bildlich gesprochen, ist sie das feine Florett gegenüber dem groben Zweihänder, der die nicht-zielgerichtete Therapie ist. Wir müssen aber genau wissen, ob es sich bei einem Mammakarzinom, um ein HER2-positives Karzinom handelt oder nicht. Dafür gibt es entsprechende Tests, die mit weit über 90 prozentiger Sicherheit die Frauen identifiziert, die von so einer Behandlung profitieren können gegenüber denen, die davon nicht profitieren können. 

myHealth: Diese zielgerichtete Therapie von heute basiert auf der Entwicklung von spezifischen Antikörpern.

Prof. Thürlimann: Die erste Therapie dieser Art war die anti-HER2-Antikörpertherapie . Im Einsatz mit der Chemotherapie war der Antikörper in der Therapie dieser aggressiven Tumoren ein Erfolg, den es so in der Onkologie noch nicht gegeben hatte. Es zeigte sich, dass man dem anti-HER2-Antikörper die Rückfallrate halbieren kann. Die Antikörper sind nicht nur sehr wirksam, sondern auch gut verträglich. Das liegt daran, dass sie nur auf die Tumorzelle wirken, weil eben nur diese das entscheidende Rezeptormerkmal trägt. Deshalb ist die Nebenwirkung auf andere Gewebe klein. Früher haben die unerwünschten Nebenwirkungen den Einsatz der Medikamente begrenzt, das ist bei dem anti-HER2-Antikörperkaum mehr der Fall.

myHealth: Das klingt nach einer grundsätzlichen Veränderung in der Therapiestrategie.

Prof. Thürlimann: Ja, dieses Prinzip hat im Jahr 2005 zu einem Paradigmawandel in der adjuvanten Brustkrebstherapie geführt, also in der Therapie nach einer Operation. Es wird seither erst das Ziel identifiziert – in diesem Fall die vermehrten HER2-Rezeptoren – und erst dann das Risiko berücksichtigt. Damit ist das Prinzip „nur mit mehr kann man mehr erreichen“ hinfällig geworden.

myHealth: Nach einigen weiteren Phasen wurde der anti-HER3-Antikörper entwickelt. Welche Bedeutung hat diese Therapiemöglichkeit heute?

Prof. Thürlimann: Der medizinische Standard bei der Erstbehandlung des HER2-positiven fortgeschrittenen Brustkrebses ist gegenwärtig in der neoadjuvanten Therapie, also vor der Operation, anti-HER2-Antikörperplus anti-HER3-Antikörper plus Chemotherapie. Die Zugabe des anti-HER3-Antikörpers zum anti-HER2-Antikörperhat bei der fortgeschrittenen Krankheit einen viel größeren Nutzen als erwartet gebracht. Die Tumorkontrolle würde um fast 50 Prozent erhöht, nämlich von zwölf auf 18 Monate. Der anti-HER3-Antikörper wird ebenfalls sehr gut vertragen, auch in Kombination mit dem anti-HER2-Antikörper.Dies ist wieder ein deutlicher Schritt nach vorn in der Behandlung dieses aggressiven Karzinoms.

myHealth: Was für Nebenwirkungen können bei diesen Wirkstoffen auftreten und wie belastend können sie für die Patientin sein?

Prof. Thürlimann: Die neuen Medikamente erfordern wie alle typischen Krebs-medikamente einen professionellen Umgang, das heisst, dass nur in der entsprechenden Therapie erfahrene Ärzte und Pflegefachpersonen die Behandlung und deren Steuerung vornehmen sollten. Diese Medikamente sind körperfremde Eiweisse und können nicht selten akute und subakute Unverträglichkeitsreaktionen wie beispielsweise Schüttelfrost, Fieber, Atemnot, Blutdruckabfall bis zu Kreislaufkollaps hervorrufen. Entsprechende Vorsichtsmassnahmen sind also angezeigt, ebenso die adäquate Überwachung der Herzpumpfunktion und weiterer Organfunktionen. Bei deren Beachtung wird die Therapie aber üblicherweise gut vertragen, sicher besser als die meisten anderen konventionellen Krebstherapien.

myHealth: Und was ist heute der Standard in der Therapie nach der Operation?

Prof. Thürlimann: In der adjuvanten Situation ist gegenwärtig der Standard Chemotherapie plus anti-HER2-Antikörper über einen Zeitraum von zwölf Monaten. Das ist unbestritten. Es wurden übrigens auch Zeiträume von sechs und 24 Monaten geprüft.

myHealth: Welche weiteren Entwicklungen zeichnen sich ab?

Prof. Thürlimann: Es ist ein neuer Antikörper mit einem weiteren Molekül entwickelt worden.Man spricht dabei von einem sogenannten „Smart Weapon“ – einer klugen Waffe.

myHealth: Und was ist das Geheimnis dieser smarten Waffe?

Prof. Thürlimann: Es handelt es sich um den anti-HER2-Antikörper mit einem Verbindungsmolekül. Daran angehängt ist ein Chemotherapeutikum. Der anti-HER2-Antikörper transportiert nun das Chemotherapeutikum genau in die Zelle, die viele HER2-Rezeptoren hat. Quasi wie ein trojanisches Pferd. So hat man die Möglichkeit, ein sehr toxisches, also giftiges, Molekül zu verwenden. Und dennoch ist es viel besser verträglich als eine Chemotherapie plus anti-HER2-Antikörper.

myHealth: Ist das entsprechende Medikament bereits zugelassen?

Prof. Thürlimann: Ja, es ist seit 1.1.2014 in der Schweiz zugelassen und kassenpflichtig.. Die SAKK Studie 22/10 prüft derzeit, wie man es am besten bei der fortgeschrittenen Erkrankung einsetzt.

myHealth: Gibt es in der Forschung zum HER2-positven Mammakarzinom eine grundsätzliche Tendenz?

Prof. Thürlimann: Die Tendenz ist sogar ganz klar. Die Frage ist: Wenn wir immer bessere Antikörpertherapien haben, wo werden wir dann die Chemotherapie noch brauchen? Auf lange Sicht wird sie wohl noch nötig sein, aber vermutlich nicht bei allen Patientinnen als Erstes. Zudem sind auch weitere Medikamente in Tablettenform verfügbar oder in ihrer Entwicklung weit fortgeschrittene mit anderen Wirkmechanismen.

Dr. Kai Kaufmann
freier Journalist