Zu den grössten Hoffnungsträgern in der Medizin gehört zweifellos die Genforschung, deren Entwicklung man getrost rasant nennen kann. Gerade einmal 15 Jahre ist es her, dass das menschliche Erbgut nahezu vollständig entschlüsselt werden konnte. Damals wagte Francis Collins – Chef eines der beiden verantwortlichen Forscher-Teams – einen Blick in die nahe Zukunft: Für dutzende Gesundheitsfaktoren werde es, so Collins, Gentests zur Vorhersage geben. Diese und viele andere Hoffnungen konnte die Genforschung bereits erfüllen. Ein neuartiger Test für häufige erblich bedingte Krebsarten ist nun ein weiterer grosser Schritt nach vorn.

Gentest der neuen Generation – deutlicher Fortschritt für die Risikoabschätzung

Der „myRisk“-Test des Herstellers Myriad Genetics, eines der weltweit führenden Unternehmen in der molekularen Diagnostik von Krebserkrankungen mit internationalem Hauptsitz in Zürich, ist ein Gentest der neuen Generation. Klassische Tests der ersten Generation, die sogenannten Einzelgentests, identifizieren einzelne Gene mittels der linearen Sanger Sequenzierungs-Methode, die mit dem Risiko für erbliche Krebsarten in Verbindung stehen. Der neue „myRisk“-Test basiert nun auf dem sogenannten „Next Generation Sequencing“ (NGS)- Verfahrenund analysiert mehrere ausgewählte Gene parallel. Er ist der jüngste und genaueste Test für vererbbare Krebsarten und seit Oktober 2014 auf dem Markt.

25 Gene gleichzeitig testen

Die Multi-Gen-Panel-Testung mit „myRisk“ umfasst 25 Gene, die das Risiko für acht Krebsarten beeinflussen: Brust-, Darm-, Eierstock-, Gebärmutter-, Magen-, Bauchspeicheldrüsen-, Haut- und Prostatakrebs. Die -Auswahl der Gene ist ganz entscheidend. Denn: In vielen betroffenen Familien lässt die Verteilung der beobachteten Krebsarten keinen eindeutigen Rückschluss auf das verursachende Gen zu. Häufig kommen mehrere verschiedene Gene als Verursacher des erhöhten Risikos in Frage. Mit „myRisk“ können nun erheblich mehr Risikogene gleichzeitig untersucht werden und somit kann auch häufiger das familiäre Risiko abgeklärt werden, als es mit Einzelgentests der Fall ist. „In die Entwicklung dieses neuartigen Tests sind mehr als 20 Jahre Expertise von Myriad Genetics eingeflossen“, betont Fani Kalaitsidis, Myriad Genetics Geschäftsführerin Schweiz.

Kombination aus genetischen und familiären Daten

Nicht allein genetische Informationen bestimmen das „myRisk“-Testergebnis: „Jedes Resultat basiert auf der genetischen Analyse und der Auswertung von familiären Daten“, erklärt Karen Copeland, Genetic Councelor und Director International Medical Services bei Myriad Genetics. „Hieraus ergibt sich das individuelle Risiko einer Erkrankung.Mit dem Testergebnis liefert Myriad Genetics zusätzlich, eine auf den Patienten abgestimmte Zusammenfassung vonTherapieempfehlungen für den behandelnden Arzt.“ Diese Empfehlungen basieren auf Guidelines führender medizinischer Fachgesellschaften.

Das Dilemma bisheriger Tests

Zeigte vor der Markteinführung von „myRisk“ eine Familienanamnese eine auffällige Konstellation mit mehreren verschiedenen Krebserkrankungen, war oft eine ganze Reihe von Einzeltests nötig, um den Ursachen auf die Spur zu kommen. Der Onkologe Dr. med. Rudolf Morant, Ärztlicher Leiter des Brustzentrums ZeTuP St. Gallen AG illustriert dies an folgender Familiensituation: „Die Mutter einer Brustkrebspatientin hatte beispielsweise Brustkrebs und die Tante Eierstockkrebs. Eine zweite Tante hatte Darmkrebs, ebenso wie der Grossvater. In dieser Konstellation können verschiedene Gene in Verbindung mit dem Krebs der Patientin stehen.“ Ein Dilemma für den behandelnden Onkologen: „Als Arzt musste man bei den Einzelgentests immer überlegen, welche Gene eventuell krankhaft mutiert sein könnten. Bei Brustkrebs könnte es BRCA1 bzw. BRCA2 sein oder eben eine ganz andere Mutation. Mit welchem Test sollte man also beginnen, wie viele Gene testen und in welcher Reihenfolge?“

Therapiezeit gewinnen

Dieses diagnostische Dilemma hatte auch pragmatische Folgen. „Testete man nacheinander mehrere Gene, verlor man wertvolle Zeit für die Therapie“, erklärt Dr. Rudolf Morant. „Weil jeder Test teuer war, konnte man nicht auf einmal drei oder vier ankreuzen. Jetzt muss sich der Arzt nicht mehr für einzelne Tests entscheiden. Denn „myRisk“ testet alle Gene, die als Ursache infrage kommen, und kostet in der gleichen Grössenordnung wie bisher die Analyse der klassischen Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2 in der Einzelanalyse.

Spezielle Therapieentscheidungen

Für Patienten, möglicherweise betroffene Familienmitglieder und Ärzte bedeutet „myRisk“ einen enormen Fortschritt. Denn das medizinische Management für Patienten mit Genmutation, die mit erblichen Krebsarten assoziiert sind, hat wesentliche Besonderheiten. Für sie können beispielsweise vorbeugende chirurgische Eingriffe oder medikamentöse Behandlungen, ebenso wie engmaschigere Vorsorgeuntersuchungen empfehlenswert sein. Dies kann in bestimmten Fällen auch für jüngere Familienmitglieder gelten. „myRisk“ ermöglicht, entsprechende Entscheidungen gezielter als bislang zu treffen. Eine umfassende Risikoabschätzung für erbliche Krebserkrankungen kann letztlich die Wahrscheinlichkeit eines ersten Krebses oder erneut auftretenden primären Krebses reduzieren.


Nähere Informationen finden Sie bei der Genetischen Beratungsstelle Genetica.

Dr. Kai Kaufmann
freier Journalist