Es war uns eine Ehre. Die Ehre bestand nicht darin, eingeladen zu sein, sondern mit dabei gewesen sein zu dürfen. Vor allem als Männer, denen der tiefe Einblick ins Thema Brustkrebs sonst verwehrt bleibt. Von Donnerstag bis Samstag verbrachten wir die Tage mit rund fünfzig Frauen im Belvédère Hotel in Spiez, die dank des Schweizer Vereins für Frauen nach Brustkrebs zusammenfanden. Ein intensives Wochenende voller Workshops, Referaten und Freude. Wir haben uns emotional auf eine ernste Stimmung und Andacht eingestellt und wurden Lügen gestraft: Die Frauen, die wir kennenlernen durften, waren lebensfroh, witzig und gnadenlos ehrlich.

Ziel unseres Wochenendes war es, Erfahrungen auszutauschen und vom Wissensgut von Fachpersonen profitieren zu können. «Leben wie zuvor» lautet der Name des Vereins. Wie findet man nach der Krankheit wieder den Weg zurück in den Alltag? Mit welchen Hindernissen haben betroffene Frauen zu kämpfen? Wichtige Fragen konnte beispielsweise Frau Dr. Susanne Bucher vom Kantonsspital Luzern beantworten. Die Ärztin erzählte Wissenswertes über das Thema Vorsorge, Behandlung und aktuelle Neuerungen rund um die Krankheit Brustkrebs. Doch schnell wurde klar, welche Fragen den im Saal anwesenden Frauen besonders auf der Zunge brannten: Themen wie die Bürokratie der Krankenkassen oder IV standen dabei ganz weit vorne. Seit etlichen Jahren sehen sich die Betroffenen mit diesen Problemen konfrontiert. In Spiez haben sie Gleichgesinnte getroffen, mit denen sie sich austauschen konnten und haben dank verständnisvollen Personen wie Frau Dr. Bucher langersehnte Antworten auf leidige Fragen erhalten. Die Diskussionen, die entstanden, waren keineswegs welche zwischen Ärztin und Patientinnen. Es waren Gespräche auf Augenhöhe. Gespräche, die sich durch Sensibilität und Ehrlichkeit ausgezeichnet haben.

Besonders beeindruckt hat uns das Referat von Herrn Dr. Christoph Rageth vom Brust-Zentrum Zürich. Er sprach über die komplexen Probleme in der Vergütung von Brustkrebsoperationen und sprach ein weiteres, sehr sensibles Thema an: Die Preis- und Kostenbildung von Brustkrebsoperationen. Die Zuhörerinnen lauschten mit Spannung und fühlten sich verstanden. Selbst nach dem Referat wurde weiterdiskutiert und die betroffenen Frauen tauschten Erfahrungen aus.


Keine falsche Eitelkeit

Nebst verschiedenen Referaten gab es diverse Workshops. Besonders überrascht hat uns der Schminkworkshop, der von Look Good Feel Better für Onkologie-Patientinnen angeboten wurde. Eine Chemotherapie beansprucht ihre Patientinnen nicht nur emotional, sondern auch äusserlich, was sich automatisch auf die Psyche auswirkt. Man leidet unter Haarausfall, hat keine Wimpern oder Augenbrauen mehr. Damit sich die Patientinnen trotzdem wie vollwertige Frauen fühlen können, lernten sie in diesem Workshop, sich trotz der Umstände zu schminken und sich wie vollwertige Frauen zu fühlen. Die Frauen sollten wieder mit Selbstvertrauen und erhobenem Hauptes durch die Welt gehen. Für uns war der Grund der Workshops erstaunlich, denn wir erlebten die Frauen während dieser Tage durch und durch als sehr selbstbewusst und weiblich. Durch die Ausstrahlung der Frauen fiel uns nicht einmal auf, dass einige von ihnen Perücken trugen.

Nach dem Abendessen traf man sich auf Wein und Bier in der Hotelbar. Es wurde intensiv geredet. Natürlich über den Krebs, natürlich über die Behandlung, über das Leben danach. Aber es sind eben nicht nur Patientinnen, die uns gegenübersassen. Es waren auch ganz gewöhnliche Frauen und genauso hörte es sich nachts, als wir vor unseren Gläsern sassen an. Leider konnten wir uns nicht mit allen unterhalten, da einige der anwesenden Frauen durch die Krankheit sehr geschwächt waren und früh ihren Weg zu Bett fanden.

Der Name des Vereins ist Programm: «Leben wie zuvor». Die betroffenen Frauen haben eine zweite Chance erhalten. Kaum eine möchte zu ihrem Leben vor dem Brustkrebs zurück, denn sie alle haben während dieser Zeit viel über sich und über ihr Leben gelernt. Um eine Krebserkrankung emotional verarbeiten zu können, brauchen Betroffene das Gespräch. Und auch wenn zahlreiche Fachpersonen mit Rat und Tat zur Seite stehen: Niemand versteht eine Betroffene so gut wie eine Frau, die mit demselben Schicksalsschlag zu kämpfen hatte. Sie alle versuchen, mit ihrem neuen Lebensabschnitt nach der Krankheit klarzukommen und sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden. Aber sie werden nie gewöhnliche Frauen sein. Sie werden immer Frauen sein, die um ihr Leben gekämpft haben. Frauen, die stärker sind und die das Leben danach in vollen Zügen geniessen.

Ihr myHEALTH-Team