Wer wünscht ihn sich nicht: den Blick in die Kristallkugel, die unsere Zukunft voraussagt. Zu den wichtigsten Fragen würde sicher die nach unserer Gesundheit gehören – vor allem, wenn wir lebensbedrohlich erkrankt sind. Nun, diese Kristallkugel wird es wohl nie geben. Was es aber seit einigen Jahren gibt, sind Tests der Genaktivität für genauere Prognosen von Krankheitsverläufen. Ihr Blick in eine wahrscheinliche Zukunft kann für Brustkrebspatientinnen viel bedeuten: weniger Angst vor einem Rückfall und leichtere Therapieentscheidungen. Welcher Test zu empfehlen ist und wie Patientinnen von ihm profitieren können, untersuchten nun Wissenschaftler von Instituten mit Rang und klangvollen Namen, nämlich „The Institute of Cancer Research“, London, und „The Royal Marsden NHS Foundation Trust“ in Zusammenarbeit mit der Queen Mary University of London. Es ist der erste Vergleich dieser Art.

Zehn Jahre nach vorn blicken

Die Experten stellten den Genexpressionstest Oncotype DX dem neueren EndoPredict gegenüber. Ein Kräftemessen in der Oberliga der Genetik, quasi. Das Ergebnis der jetzt im „Journal of the National Cancer Institute“ veröffentlichten Studie: EndoPredict kann genauer als Oncotype DX vorhersagen, ob es bei der betreffenden Patientin zu einer Ausbreitung des Brustkrebses kommen wird. Und diese Vorhersage gilt für einen langen Zeitraum, nämlich für zehn Jahre.

Tempo, bitte!

Bei Oncotype DX muss bis zu 14 Tage auf das Ergebnis der Analyse gewartet werden, weil es hierfür nur ein qualifiziertes Labor gibt – und das befindet sich in den USA. Das Testergebnis von EndoPredict kann hingegen schon nach wenigen Tagen vorliegen, „was dem Arzt und der Patientin ermöglicht, sehr früh zu entscheiden, ob eine Chemotherapie hilfreich sein wird oder nicht“, so Professor Mitch Dowsett, der einer der Hauptautoren der Studie ist. Ein schnelles Testergebnis sorgt zudem dafür, dass die Unsicherheit und damit einhergehende seelische Belastung der Patientin nicht unnötig verlängert wird.

Verzichtbare Chemotherapie

Weshalb sind die High-Tech-Genexpressionstests überhaupt erforderlich? Ganz einfach: Oft reichen herkömmliche Kriterien wie Tumorgrösse, Befall von Lymphknoten (Nodal Status) und Hormonrezeptorstatus für eine Prognose über den Krankheitsverlauf leider nicht aus. Dennoch wird diesen Brustkrebspatientinnen oft eine Chemotherapie empfohlen – schlichtweg um auf der sicheren Seite zu sein. Viele der Frauen nehmen also überflüssige Belastungen auf sich, denn eine Chemotherapie ist auch heute noch alles andere als ein Spaziergang. Oft kommt es dabei zu erheblichen Nebenwirkungen, weil diese Behandlungsmethode nicht nur die Krebszellen bekämpft, sondern auch gesunde Zellen schädigt. EndoPredict schliesst einen grossen Teil dieser prognostischen Lücke. Lässt sich mit seinem Ergebnis besten Gewissens auf die aggressive Chemotherapie verzichten, kann die betroffene Patientin erst einmal aufatmen und neue Kraft sammeln.

Test für Mehrheit der Patientinnen

EndoPredict eignet sich für Brustkrebspatientinnen, deren Tumorzellen Hormonrezeptoren aufweisen, jedoch keine HER-2-Rezeptoren. Diese Untergruppe des Brustkrebses betrifft zwei Drittel aller Erkrankungen, also bei weitem die meisten Patientinnen.

Kluge Kombination

Der Test analysiert acht Gene, die in Verbindung mit einem Tumorwachstum stehen. Sind die Gene der entnommenen Tumorproben sehr aktiv, besteht für die Patientinnen ein hohes Risiko dafür, dass sich die Krebszellen ausbreiten werden. Ist die Genaktivität hingegen gering, besteht nur ein niedriges Risiko. Doch in das Testergebnis von EndoPredict fliessen auch Ergebnisse aus konventionellen Untersuchungen ein. Professor Dowsett sieht gerade in dieser Kombination den entscheidenden Vorteil: „Der Grund [für die höhere Genauigkeit] liegt vor allem darin, dass EndoPredict die Informationen auf molekularer Ebene mit Informationen über die Grösse des Tumors und eine mögliche Ausbreitung in die Lymphknoten verbindet.“

Nichts ist in Stein gemeisselt

Mit EndoPredict ist die Medizin der wundersamen Kristallkugel tatsächlich ein ganzes Stück näher gekommen. Doch der Verlauf von Erkrankungen gibt den Experten noch genug Rätsel auf. Und an dieser Stelle mischt sich ein recht neues wissenschaftliches Feld in die Diskussion ein: die Epigenetik. Hierin untersuchen Wissenschaftler, unter welchen Umwelteinflüssen sich die Aktivität von Genen verändern kann. Denn dabei können Faktoren wie Psyche, Ernährung, Sport und vieles mehr eine Rolle spielen.

Detailliertere Erkenntnisse aus der Epigenetik sind noch Zukunftsmusik. EndoPredict hingegen ist laut der neuen Studie „state of the art“ – das Beste, was es heute in diesem Zusammenhang an Genexpressionsanalysen gibt.

Autor: 
Dr. Kai Kaufmann

Hinweis: Seit dem 1. Oktober 2015 vergütet die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) EndoPredict.