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Wirkungsweise der Chemotherapie

Weniger Nebenwirkungen dank neuer Medikamente

Neoadjuvante Chemotherapie wird vor der Operation angewandt um die Grösse des Tumors zu reduzieren. “Statt der ganzen Brust muss so nur gerade der Tumor entfernt werden,” sagt der Onkologe Dr. med. Rudolf Morant. Der Vorteil: Bei neoadjuvanter Chemo sieht man, ob sie wirkt. Mit Ultraschall lässt sich nachprüfen, ob der Tumor kleiner wird.

Rückfälle verhindern

Die Chemotherapie wirkt im ganzen Körper; sie verhindert, dass sich Krebszellen über Blut- und Lymphbahn verbreiten und Metastasen bilden.

Nach der Operation zielt die adjuvante Chemotherapie darauf ab, Rückfälle zu verhindern. Haben sich bereits Metastasen gebildet, ist das Ziel eine Lebensverlängerung mit Verbesserung der Lebensqualität.

Alternativen

Nicht immer ist eine adjuvante Chemo nötig. Manchmal reichen laut Dr. Morant auch Operation mit anschliessender Bestrahlung und Hormontherapie. Falls möglich, wird eine Kombination mit einer Antikörpertherapie durchgeführt; dadurch wird das Wachstum der Krebszellen noch stärker gehemmt. “Die zusätzliche Antikörpertherapie - meist über ein Jahr hinweg - bewirkt deutlich bessere Resultate als eine alleinige Chemotherapie,” so Dr. Morant.

Wird adjuvante Chemo eingesetzt, achte man darauf, möglichst wenig unnütz zu behandeln. Gentests helfen, das Rückfallrisiko besser einzuschätzen. Ziel sei, weniger zu therapieren. In Europa habe man immer weniger aggressiv therapiert als in den USA.

Weniger Übelkeit

Chemotherapien erfolgen im Rhythmus von drei bis vier Wochen ambulant in der Praxis. Zuerst werden Leukozyten und Thrombozyten (weisse Blutkörperchen und Blutplättchen) bestimmt und dann die Medikamente mit einer Infusion in die Vene verabreicht. Zur Vorbeugung gegen Erbrechen erhält die Patientin Medikamente gegen Übelkeit. “Diese Medikamente wirken recht gut,” sagt Dr. Morant. Angewendet wird eine Kombination aus Serotonin-Rezeptor-Antagonisten und Steroiden. So wird die Chemotherapie viel besser vertragen als früher.

Anschliessend erfolgt die eigentliche Chemotherapie. Die ganze Behandlung samt Vorbehandlung kann zwei Stunden dauern. Manche Frauen lesen, andere arbeiten am Laptop oder unterhalten sich. Bei den folgenden Sitzungen wird die Dosis immer wieder angepasst. Die Therapien können bis zu einem halben Jahr dauern. Dabei werden die Patientinnen anfällig für Infekte - und sollten grössere Menschenansammlungen möglichst meiden.

Leben gerät durcheinander

Während der Therapie fallen die Haare aus. Die Frauen müssen eine Perücke tragen. Bei vielen setzt der Zyklus aus, es kommt zu Wallungen. Bei jüngeren Frauen erholen sich die Eierstöcke rasch. Bei älteren Frauen kann es frühzeitig zur Menopause kommen. Das Leben der Frau kann dabei durcheinander geraten. Gegen die psychische Belastung wird die Patientin auch psychoonkologisch unterstützt.

Wenn eine Frau “supergute” Venen hat, kann die Infusion direkt in die Vene gegeben werden. Um aber allfälliges “Stochern” in den Venen und Gewebeschädigungen zu vermeiden, wird beim Schlüsselbein ein Port-Katheder unter die Haut gelegt.

Margrith Widmer
Freie Journalistin
Sein Tipp:

Während der Chemotherapie Stress vermeiden, genügend schlafen und sorgfältig aufs Gewicht achten.

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zur Person

Dr. med. Rudolf Morant

Dr. Rudolf Morant Facharzt FMH für Onkologie-Hämatologie. Medizinischer Leiter des Tumorzentrums ZeTuP St. Gallen, Rapperswil und Chur, eine Gruppenpraxis mit sieben medizinischen Onkologen, Chirurgin (Mammachirurgie) und zwei Gynökologen/Gynäkologin mit Forschungsteil.

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Selbsthilfe während der Chemotherapie

Mit Mikronährstoffen unterstützen Patientinnen ihre Therapie

Jede Chemotherapie ist eine große Belastung für den Körper und auch für die Seele einer Brustkrebspatientin. Umso wichtiger ist es, diese Therapie so gut wie möglich zu unterstützen. „Es ist klar, dass eine Patientin in dieser Phase auch ihre eigenen Möglichkeiten hat, die Krankheit mit zu beeinflussen“, weiß Prof. Nagel. Eine wichtige Rolle spielt dabei die ergänzende Einnahme von sogenannten Mikronährstoffen, zu denen Mineralien, Spurenelemente, Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe gehören. Damit können Patientinnen einen ganz wesentlichen Teil selber dazu beitragen, die Nebenwirkungen einer Chemotherapie so gering wie möglich zu halten, bei Kräften zu bleiben und Abwehrvorgänge zu unterstützen.

Nährstoffe von vitaler Bedeutung
„Mikronährstoffe sind auch bei gesunden Menschen Basisbausteine für alle vitalen Körperprozesse“, erklärtProf. Nagel. Überall sind sie beteiligt, von der Atmung bis zum Denken oder Schlafen, und die Leber braucht sie ebenso wie die Nieren. „Sie stärken zum Beispiel das Immunsystem oder den Leberstoffwechsel, was für die Entgiftung wichtig ist; sie wirken Entzündungen, Abgeschlagenheit und Müdigkeit entgegen“, erklärt der Onkologe. Kein Wunder also, dass sie während einer Chemotherapie im Rahmen einer Brustkrebstherapie so wichtig sind. „In der richtigen Dosierung können Mikronährstoffe viele Nebenwirkungen der Chemotherapie unterdrücken. Allerdings kommt es dabei auf deren genaue Auswahl, Kombination und Dosierung an“, sagt Prof. Nagel.

Drastisch erhöhter Bedarf
Bei gesunden Menschen sorgt eine gute, vollwertige Ernährung für eine ausreichende Versorgung mit allen Mikronährstoffen. Ganz anders sieht es hingegen während der Krebstherapie aus. „Während einer Chemotherapie ist der Bedarf an Mikronährstoffen massiv erhöht. Er entspricht dann etwa dem eines Leistungssportlers“, sagt Prof. Nagel. Ohne eine vermehrte Aufnahme dieser Stoffe kommt es in dieser Therapiephase also oft zu einer Unterversorgung.

Über die Ernährung allein lässt sich das Defizit kaum mehr ausgleichen, insbesondere nicht in der optimalen Kombination aller Stoffe. „Will man Mikronährstoffe genau entsprechend des Bedarfs dosieren – wie Selen oder etwa L-Carnitin – kommt man um sogenannte chemisch reine Formulierungen nicht mehr herum“, weiß Prof. Nagel. Ergänzend kommen daher Mikronährstoffe in Form von Tabletten oder flüssigen Präparaten zum Einsatz. „Häufig bestehen die Inhaltsstoffe dieser Extrakte aus Naturstoffen, das ist praktisch gereinigte Natur“, sagt Prof. Nagel.

Besonders wertvoll in der Unterstützung einer Chemotherapie sind neben Selen und L-Carnitin zum Beispiel die Vitamine D und E, Coenzym Q10 und Omega -3-Fettsäuren.

Säfte oder Tabletten?
Kommt es während einer Chemotherapie zu Übelkeit oder Erbrechen, wird von manchen Experten zur Einnahme der Mikronährstoffe eher in Form von flüssigen Präparaten als Tabletten geraten. „Auch die falsche Kombination von Mikronährstoffen kann bereits bestehende Magen-Darm-Probleme verstärken. Die unterstützende Therapie mit Mikronährstoffen muss daher sehr sorgfältig die individuelle Patientensituation berücksichtigen“, ergänzt Prof. Nagel.

Wirksamkeit und Sicherheit
Doch wie sehr können Patientinnen darauf vertrauen, dass eine begleitende Supplementierung mit Mikronährstoffen tatsächlich helfen kann? Prof. Nagel räumt mögliche Zweifel aus: „Das ist sehr gut untersucht. Von den sogenannten komplementären Therapien gibt es kaum etwas, was hinsichtlich der Wirksamkeit wissenschaftlich so gut abgesichert ist wie die supportive Therapie mit Mikronährstoffen. Die Daten zeigen ganz klar, dass Mikronährstoffe zusätzlich zur Tumortherapie gegeben eine wichtige Wirkung haben.

„Nicht weniger wichtig ist die Frage der Sicherheit von Mikronährstoffen, speziell Antioxidanzien, wenn sie parallel zur Chemo- oder Strahlentherapie angewendet werden. Die manchmal gehörte Aussage, Mikronährstoffe würden die Wirksamkeit der Tumortherapie abschwächen ist in dieser pauschalen Form völlig aus der Luft gegriffen“, betont der Onkologe. Die wissenschaftliche Literatur zu den klinischen Erfahrungen zeige, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Allerdings gebe es hier auch Ausnahmen. „Eine solche ist zum Beispiel die Gabe von einzelnen hochdosierten Antioxidanzien in Form der Monotherapie, räumt Prof. Nagel ein. „In der Praxis verwenden wir praktisch nur Mikronährstoff-Kombinationen, für die keine potenziellen Risiken beschrieben worden sind“.

Auch die Psyche profitiert
Wenn Patientinnen durch die Einnahme von Mikronährstoffen die Chemotherapie begleiten, ist dies nicht nur wegen der chemischen Vorteile wichtig. Die Selbsthilfe hat auch positive psychische Aspekte. Mit ihr kann der Patient die stärkende Erfahrung machen, dass er aktiv an seiner Genesung mitwirken kann: „Für mich steht es außer Zweifel, dass Krebspatienten vor allem in der Frühphase der Erkrankung wichtige und wirksame eigene Beiträge zur Krankheitsbewältigung leisten können“, sagt Prof. Nagel.

Dr. Kai Kaufmann
freier Journalist
28.03.2014

zur Person

Prof. Dr. med. Gerd Nagel

1978 wurde der internistische Onkologe Prof. Dr. med. Gerd Nagel als Ordinarius für Innere Medizin und Onkologie an die Universität Göttingen berufen. 1992 übernahm er den Lehrstuhl für Tumorbiologie an der Universität Freiburg im Breisgau, wo er auch die Klinik für Tumorbiologie gründete und bis 2003 leitete. Im gleichen Jahr erhielt er den Europäischen Wissenschafts-Kulturpreis, 2005 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Nach der Pensionierung gründete er die Stiftungen Patientenkompetenz Deutschland und Schweiz, die er bis heute leitet.

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