Der HER2-positive Brustkrebs

Die Krebsforschung zeigt, dass es zum Tumorwachstum kommen kann, wenn der „Bauplan einer Zelle“ aus welchem Grund auch immer „geschädigt“ wird. So können beispielsweise auf der Zelloberfläche einer geschädigten“ Brustdrüsen-Zelle plötzlich zu viele „Andock-Stationen“ (Rezeptoren) für Wachstumsfaktoren entstehen. Diese Andock-Station nennt man HER2-Rezeptor (Human = menschlich, Epidermal = an der Zelloberfläche befindlich, Rezeptor Nummer 2). Die Tumorzelle produziert fälschlicherweise das 10 bis 100-fache dieser HER2-Rezeptoren (HER2 Überexpression), erhält dadurch starke Wachstumssignale, teilt sich immer wieder – und ein Tumor wächst. Knapp ein Fünftel aller Brustkrebs-Patientinnen weisen Tumorzellen mit vermehrten HER2-Rezeptoren auf. Mit Hilfe einer Gewebeprobe kann sicher festgestellt werden, ob ein Brustkrebs zu den HER2-positiven Tumoren gehört.


Antikörper verhindern die Teilung der Krebszellen

Im Blut zirkulieren unterschiedliche Varianten von Antikörpern (Proteinen), die sich an die Oberfläche von „feindlichen Teilchen“ anheften und dann die Killerzellen des Immunsystems aktivieren. Dies wird in der Antikörpertherapie imitiert: Der Wirkstoff Trastuzumab ist beispielsweise ein Antikörper, der an den HER2-Rezeptor andockt und so verhindert, dass das Zellteilungs-Signal weitergeleitet wird. Damit kann ein Weiterwachsen des Tumors verhindert werden, die Tumorzellen sterben ab und werden vom Immunsystem abgebaut.

Der HER2-Rezeptor kommt jedoch nicht nur auf den Zellen der Brustdrüse bzw. in Überexpression auf Krebszellen vor, sondern in geringerer Zahl auch auf anderen Körperzellen, wie zum Beispiel im Herz. Dadurch erklären sich mögliche Nebenwirkungen und es darf keine Therapie bei Patientinnen mit einer vorbestehenden Herzschädigung durchgeführt werden. „Die Bestimmung und Überwachung der Herzfunktion ist bei Patientinnen, die diese Therapie erhalten, wichtig“, so Dr. Hauser.

Die Standardtherapie empfiehlt die Behandlung mit Trastuzumab während einem Jahr, meist im Anschluss an die Operation und parallel zur notwendigen Chemotherapie. Wurde die kombinierte Antikörper- und Chemotherapie vor der Operation (neoadjuvant) durchgeführt, konnten in Studien hohe Raten an Totalremissionen (völlige Rückbildung des Tumors) beobachtet werden. Ebenso zeigen umfangreiche Studien, dass die zusätzliche Behandlung mit Trastuzumab die rückfallfreie Zeit und das Gesamtüberleben verbessert. „Dies ist bis heute der grösste erzielte Fortschritt für die Behandlung von Frauen mit Brustkrebs im 20. Jahrhundert“, so Dr. Hauser.

Eine neue Weiterentwicklung von Trastuzumab ist der Wirkstoff Trastuzumab Emtansine T-DM1, der aus einer Kombination von Antikörper und Chemotherapeutikum (Emtansine) besteht. Der Antikörper transportiert das Chemotherapeutikum direkt zur Tumorzelle, so dass dort eine zielgerichtete Wirkung stattfindet.


Krebsforschung entwickelt neue zielgerichtete Wirkstoffe

Während der Behandlung mit Antikörpern können sich Resistenzen entwickeln und die Tumorzellen sprechen plötzlich nicht mehr auf die Therapie an. Im Verlauf kann es zu einem Rezidiv (Wiederauftreten der Erkrankung) und eventuell zu Metastasen kommen. Die Krebsforschung ist daher immer auf der Suche nach neuen Strategien zur Aufhebung der Resistenzentwicklung und wirksamen Therapeutika, die bei Versagen anderer Therapien eingesetzt werden können.

Ein weiterer zielgerichteter Wirkstoff ist beispielsweise Lapatinib. Das Therapeutikum – ein sogenanntes Small Molecule kann in die Tumorzelle eindringen und dort die Signalübertragung, die von Wachstumsfaktoren über den HER2-Rezeptor ausgelöst wurde, hemmen. Die Tumorzelle kann sich daher nicht mehr weiter teilen und stirbt ab. Das Medikament kann in Tablettenform eingenommen werden.

Seit kurzem ist in der Schweiz Everolimus zur Behandlung von fortgeschrittenem oder metastasiertem Hormon-abhängigem Brustkrebs zugelassen. Es handelt sich dabei um einen sogenannten mTOR-Inhibitor, der das Krebswachstum hemmt. Zusätzlich erhöht er die Empfindlichkeit der Tumorzelle gegenüber einer Antihormontherapie.

Karin Storz

Freie Journalistin

Zusammenfassend hier die Liste der in der Schweiz zugelassenen zielgerichteten Wirkstoffe (targeted therapies), die bei Brustkrebs eingesetzt werden können:

Antikörper:

Small Molecules:


Seine Prognose:
Dr. Hauser ist überzeugt, dass diese neuen Formen der zielgerichteten Therapien einer der grössten Fortschritte in der Krebstherapie der letzten und der kommenden Jahre ist.